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Dagmar Roederer beschäftigt sich nun seit einigen Jahren in ihrer Malerei mit historischen Gefäßen aus dem ostasiatischen Raum.Ob chinesische Schalen oder japanische Vasen, die Fülle an ornamentalem Vokabular und bildsprachlichen Inhalten die jene Gefäße zieren, bilden einen unerschöpflichen Fundus und wahrscheinlich nie versiegenden Quell an visuellen Anregungen, interkulturellen Interpretationsmöglichkeiten und malerischen Herausforderungen.

Für Dagmar Roederer ist die Malerei ein Mittel der Erkenntnis. Ein gemalter Klärungsprozess, der Auskunft gibt über die ästhetische Beschaffenheit des gewählten Sujets, gesehen durch die Augen der Künstlerin. Maltechnik ist demnach auch eine Erkenntnistechnik, die erst dem Malenden selbst und, mit etwas Glück, dem nachgeordneten Betrachter einen Aufschluss über die Bedeutung des vom Künstler in seiner Malerei aufgenommenen Gegenstandes ermöglicht. Das fertige Bild ist das farbegewordene Resultat der visuellen Vergegenwärtigung, einer vollbrachten Exkursion in das vormals weiße Nichts der grundierten Leinwand.

Dagmar Roederers malerische Neufassung der ostasiatischen Gefäße, ihre kulturell ästhetische Interpretation und visuelle Metamorphose ist auch eine Befragung des bildnerischen Raumes. Betrachtet man die Kompositionen von Dagmar Roederer, so lässt sich die Durchtastung des Raumes in Höhe, Breite und Tiefe nachvollziehen.

Gilt es doch die Gefäße so in die Fläche zu übertragen, dass sich aus diesen drei Gegebenheiten die abstrakte Bildfläche des Raumes gestalten lässt. Die Struktur der historischen Vorlagen erfährt im Akt des Malens ihre Verwandlung. Mit den Mitteln von Pinsel und Farbe wird das Abbild zum Sinnbild seiner selbst transferiert.

Die Versinnbildlichung führt nicht nur zu einer neuen, zeitgemäßen Sicht auf die ostasiatischen Porzellane und Keramiken. Die malerische Befragung der von Alters her tradierten Zeichen, Symbole und Ornamente ist mehr als nur bildwissenschaftliche Strategie. In einem Akt der malerischen Befreiung lässt die Künstlerin die Macht der Zeichen wieder lebendig werden Die einst in der kulturellen Dramaturgie mit festem Platz versehenen Zeichen wuchern nun frei über die Leinwand, Ornamente verselbstständigen sich, Genreszenen durchbrechen die Glasur und übergreifen die Ränder der Gefäße, um als Bild im Bild ein eigenes, autonomes Leben zu beginnen.

In den Bildern und Papierarbeiten von Dagmar Roederer verschränken sich ostasiatische Bildsprache und mitteleuropäische Mal-Tradition zu einer unverwechselbaren Ausdrucksweise, die so selbstverständlich erscheint, als hätte es sie schon immer gegeben.

Dr. Friedrich W. Kasten